ADHS begleitet viele Menschen bis ins Erwachsenenalter und spielt auch in der Suchttherapie eine wichtige Rolle. Jan Gehri, fallführender Psychologe in der Klinik Südhang Ambulatorium Bern, erklärt im Gespräch, wie sich ADHS im Alltag zeigt, warum die Diagnose anspruchsvoll ist und weshalb eine gezielte Behandlung oft entscheidend für den Therapieerfolg sein kann.
Was ist ADS oder ADHS?
Jan Gehri: ADS beziehungsweise ADHS steht für eine Aufmerksamkeitsdefizit- respektive Hyperaktivitätsstörung. Eine gängige neurobiologische Erklärung geht von einem Ungleichgewicht im Dopaminsystem aus: Reize können vom Gehirn nicht optimal verarbeitet werden, was zu einem funktionellen Dopaminmangel und damit zu den typischen Symptomen führt.
Wichtig ist aber zu erwähnen, dass es sehr unterschiedliche Formen und Ausprägungen von ADHS gibt. Es gibt Menschen, die eher ein stärker ausgeprägtes Aufmerksamkeitsdefizit haben, Menschen mit einer eher hyperaktiven Ausprägung und solche vom kombinierten Typ.
Wie zeigt sich ADHS im Alltag?
Jan Gehri: Betroffene haben oft Mühe, bei einer Sache zu bleiben, lassen sich leicht ablenken und springen gedanklich von Aufgabe zu Aufgabe, ohne diese abzuschliessen. Bei Kindern ist die Hyperaktivität oft gut sichtbar – sie können kaum stillsitzen. Im Erwachsenenalter wird daraus meist eine innere Unruhe, die viele als permanentes „Hamsterrad im Kopf“ beschreiben. Bei Frauen zeigt sich ADHS oft weniger nach aussen, was auch mit gesellschaftlichen Erwartungen zusammenhängt.
Ein weiteres Kernproblem ist die Desorganisation: Mehrere Projekte laufen gleichzeitig, der Alltag lässt sich schwer strukturieren, Details werden überbetont. Häufig entstehen daraus Selbstzweifel aufgrund früherer Konflikte in Schule oder Beruf. Gleichzeitig gibt es auch den sogenannten Hyperfokus: Bei grossem Interesse können Betroffene aussergewöhnlich konzentriert und kompetent sein.

Jan Gehri
Psychologe im Ambulatorium Bern
Verantwortlicher für das Thema ADHS.
Wie wird ADHS bei Erwachsenen diagnostiziert?
Jan Gehri: Die Abklärung ist anspruchsvoll, weil nachgewiesen werden muss, dass die Symptome bereits in der Kindheit bestanden. Zudem gilt es, andere Ursachen wie Traumafolgen, Depressionen oder Suchtprobleme auszuschliessen. Wir beziehen Schul- und Arbeitszeugnisse in die Analyse ein, arbeiten mit Fragebögen für Angehörige und führen Gespräche mit dem Umfeld. Manchmal wird auch eine kognitive Testung oder ein MRI durchgeführt. Wichtig ist eine sorgfältige Differenzialdiagnose – nicht jede Unruhe ist ADHS.
Wie sieht die Behandlung aus?
Jan Gehri: Im Zentrum steht meist eine medikamentöse Therapie, ergänzt durch Psychotherapie. Viele Betroffene müssen zunächst lernen, sich selbst neu zu verstehen und alte Selbstbilder zu korrigieren.
Ein zentrales Thema ist die erlebte Strukturlosigkeit. Gemeinsam wird erarbeitet, welche Hilfsmittel den Alltag erleichtern. Weitere Fragen lauten: Wie gehe ich mit meiner Impulsivität um? Was hilft, weniger schnell in Zorn zu geraten und gelassener zu bleiben?
„Wenn wir ADHS gezielt behandeln, verschwindet oft das Bedürfnis nach Selbstmedikation – viele Menschen können dadurch erstmals wirklich zur Ruhe kommen.“
Jan Gehri, Psychologe im Ambulatorium Bern und Verantwortlicher für das Thema ADHS
Wird ADHS heute zu häufig diagnostiziert?
Jan Gehri: Die Meinungen gehen auseinander. Die wissenschaftliche Datenlage spricht eher für eine Unterdiagnostik, besonders im Suchtbereich. Am Südhang stellen wir bei rund 25% der Patient*innen ADHS fest. Entscheidend bleibt eine gründliche Abklärung, damit andere Erkrankungen nicht übersehen werden.
Welche Rollen spielen die Substanzen?
Jan Gehri: Viele Betroffene nutzen Substanzen zur Selbstmedikation. Cannabis kann die innere Unruhe dämpfen, Kokain oder Amphetamine werden teilweise zur Fokussierung eingesetzt. Diese Wirkung unterscheidet sich oft von jener bei Menschen ohne ADHS.
Kommen auch Medikamente in der Therapie zum Einsatz und wie wirken diese?
Jan Gehri: Ja, die eingesetzten Medikamente verbessern bei vielen die Konzentration und reduzieren die innere Unruhe – ähnlich wie Stimulanzien, jedoch kontrolliert und therapeutisch begleitet. Die Wirkung ist individuell sehr unterschiedlich.
Welchen Einfluss hat die ADHS-Behandlung auf die Suchttherapie?
Jan Gehri: Einen sehr grossen. Wenn ADHS adäquat behandelt wird, entfällt häufig das Bedürfnis nach Selbstmedikation. Viele Patient*innen können dadurch erstmals stabil auf Substanzen verzichten. Im Vergleich zu anderen psychiatrischen Behandlungen zeigt die ADHS-Therapie oft eine besonders hohe Wirksamkeit. Ein Patient, der aktuell bei mir in Behandlung ist, konsumiert überhaupt kein Kokain mehr, seit er die ADHS-Medikamente einnimmt. Er braucht das Kokain nicht mehr.
Wenn wir sehen, dass das so funktioniert, erfüllt mich meine Arbeit mit grosser Freude.
Umgang mit Begleiterkrankungen ist eines von zehn Schwerpunktthemen des Behandlungsprogramms «Mensch und Sucht».









