Viele Menschen, die eine Abhängigkeitserkrankung aufweisen, leiden zusätzlich an weiteren psychischen Belastungen. Im Interview erklärt Dr. med. Antonia Bordoni, Oberärztin der Klinik Südhang, welche Begleiterkrankungen besonders häufig auftreten, wie Sucht und psychische Erkrankungen zusammenhängen und warum ein integrativer Behandlungsansatz entscheidend für nachhaltige Stabilisierung ist.
Die Klinik legt seit Einführung des Behandlungsprogramms einen Fokus auf Begleiterkrankungen. Was steckt dahinter?
Antonia Bordoni: Genau, wir konzentrieren uns auf Komorbiditäten, also Begleiterkrankungen der Sucht. Denn im klinischen Alltag zeigt sich, dass die Mehrheit der Patient*innen zusätzlich an einer weiteren psychischen Erkrankung leidet. Deshalb nehmen diese Begleiterkrankungen in unserem Programm immer mehr Raum ein – und das ganz bewusst. Heute wissen wir, dass es entscheidend ist, beides gleichzeitig zu behandeln: die Abhängigkeit selbst und die dahinterliegenden psychischen Belastungen. Wenn wir uns bloss auf die Abhängigkeit konzentrieren, ist unsere Therapie oft nicht mittel- und langfristig erfolgreich.
Welche Begleiterkrankungen begegnen Ihnen besonders häufig?
Antonia Bordoni: Sehr oft sehen wir Menschen mit ADHS oder mit belastenden traumatischen Erfahrungen. Auch Depressionen, Angsterkrankungen und Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Themen. Daher richten wir unser Behandlungsprogramm auf diese sogenannten Komorbiditäten aus.

Dr. med. Antonia Bordoni
Oberärztin der Klinik Südhang
Verantwortliche für das Schwerpunktthema Begleiterkrankungen der Sucht.
Wie hängen Sucht und Begleiterkrankungen zusammen?
Antonia Bordoni: Der Zusammenhang ist sehr eng. Viele Betroffene nutzen Suchtmittel zunächst, um andere Symptome zu lindern. Wer zum Beispiel unter Schlafstörungen leidet oder abends stark angespannt ist, greift vielleicht zu Alkohol, Medikamenten oder anderen Suchtmitteln, insbesondere Cannabis, um zur Ruhe zu kommen. Was am Anfang wie eine hilfreiche Strategie wirkt, kann sich mit der Zeit zu einem festen Ritual entwickeln – und bei steigender Konsummenge in eine Abhängigkeit münden.
Mit der Abhängigkeit verändert sich jedoch die Wirkung der Substanz. Es kommt zur Toleranzbildung – die Konsummenge muss gesteigert werden und der Konsum nimmt immer Raum im Alltag ein. Dann treten neue Probleme auf: kognitive Einschränkungen, Entzugssymptome, mehr Ängstlichkeit oder depressive Verstimmungen. Aus der anfänglichen „Selbstmedikation“ entsteht ein Rattenschwanz an zusätzlichen Belastungen – oft der Moment, in dem Menschen bei uns Hilfe suchen.
Was bedeutet das konkret für die Behandlung?
Antonia Bordoni: Der Südhang arbeitet mit einem integrativen Ansatz: Sowohl die Sucht als auch psychische Belastungen oder Begleiterkrankungen werden parallel behandelt. Dazu nutzen wir Psychotherapie, medikamentöse Behandlung und psychosoziale Unterstützung. Probleme wie Einsamkeit, fehlende Perspektiven, Schwierigkeiten im Arbeitsleben oder Beziehungen können starke Auslöser für Substanzgebrauch sein. Deshalb betrachten wir die Patient*innen immer als Ganzes – mit ihrer Biografie, ihrem sozialen Umfeld und ihren Zukunftsmöglichkeiten. Dieser umfassende Blick reduziert das Rückfallrisiko und unterstützt eine nachhaltige Stabilisierung.
«Im Südhang behandeln wir die Sucht parallel zu den psychischen Belastungen oder Begleiterkrankungen.»
Antonia Bordoni, Oberärztin der Klinik Südhang und Verantwortliche für das Schwerpunktthema Begleiterkrankungen der Sucht.
Ist dieser Ansatz neu?
Antonia Bordoni: Früher dachte man: Erst muss die Sucht weg, dann behandelt man den Rest. Die Forschung hat gezeigt, dass das schlecht funktioniert. Heute wissen wir: Die gleichzeitige Behandlung verbessert die Erfolgsquoten deutlich. Darum bauen wir unser Behandlungsprogramm gezielt aus, etwa bei ADHS oder affektiven Störungen – dort, wo wir besonders viele Betroffene sehen.
Spielen diese Themen eher in der ambulanten oder stationären Behandlung eine Rolle?
Antonia Bordoni: Beides ist wichtig. Die stationäre Behandlung der Klinik Südhang legt den Fokus zunächst auf Diagnostik und Stabilisierung: Wir klären, welche Erkrankungen vorliegen, da die Sucht oft andere Probleme überdeckt. Erst nach dem Entzug zeigen sich beispielsweise Traumafolgestörungen oder Depressionen.
In der anschliessenden ambulanten Behandlung kann längerfristig an diesen Themen gearbeitet werden. Auch darum ist es so sinnvoll, dass die Klinik Südhang ihre Suchtbehandlung äusserst individuell und auf die Bedürfnisse der betroffenen Menschen ausrichtet. Und dass unsere Patient*innen nahtlos von der stationären zur teilstationären und ambulanten Behandlung wechseln können.
Welche Rollen spielen Medikamente in der Behandlung?
Antonia Bordoni: Wenn sie nötig sind, sind sie sinnvoll – aber nicht immer. Manche Antidepressiva können Gefühle dämpfen, was psychotherapeutische Prozesse erschweren kann. Bei akuter Suizidalität oder schwerer Depression sind Medikamente unverzichtbar. Oft geht es jedoch um ein Abwägen: stabilisieren, dann wieder reduzieren, damit psychotherapeutische Verarbeitung möglich wird.
Die Klinik behandelt also Menschen mit mehreren Diagnosen. Das klingt nach schlechter Prognose für einen betroffenen Menschen.
Antonia Bordoni: Es stimmt: Je mehr Begleiterkrankungen, desto länger sind oft die Behandlungsverläufe. Aber das heisst nicht, dass ein gutes Leben nicht möglich ist. Ich sehe viele Menschen mit zwei oder drei Diagnosen, die wieder arbeiten, Familien haben, Fuss im Leben fassen. Entscheidend sind auch die Ressourcen.
Was meinst du mit Ressourcen? Kannst du ein Beispiel geben?
Antonia Bordoni: Beispiele gibt es viele: Ein verlässliches soziales Netzwerk, Intelligenz, Problemlösungsfähigkeiten, die Bereitschaft, sich Hilfe zu holen. Wer lernt, gut auf sich zu achten, kann sein Gleichgewicht besser halten – auch mit einer chronischen Erkrankung. Eine Psychotherapie sollte deshalb auch immer ressourcenorientiert sein.
Was gefällt dir an deiner Aufgabe als Oberärztin der Klinik Südhang?
Antonia Bordoni: Ich darf mich immer neu auf die Menschen einstellen und hinterfragen, wie alle Diagnosen miteinander zusammenhängen und ob wir die richtigen Ansätze verfolgen. Das macht meine Arbeit sehr heterogen und gefällt mir gut, weil ich ein Mensch bin, der Herausforderungen sucht.
Umgang mit Begleiterkrankungen ist eines von zehn Schwerpunktthemen des Behandlungsprogramms «Mensch und Sucht».
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