Neben Schlafstörungen, Depressionen und ADHS gehören auch Traumafolgestörungen zu den häufigsten psychischen Störungsbildern von Menschen mit einer Suchterkrankung. Voraussetzung für eine langfristig erfolgreiche Suchttherapie ist ein integrierter Therapieansatz.
Monika Bregy, fallführende Psychologin im Ambulatorium Bern und Verantwortliche für das Thema Traumafolgestörungen, erklärt im Gespräch, weshalb Trauma und Sucht so oft zusammen auftreten, wie sich die Symptome im Alltag zeigen und welche Wege es gibt, das Erlebte therapeutisch zu bearbeiten. Zudem erläutert sie, wie Betroffene im Umgang mit traumabezogenen Symptomen mehr Handlungsspielraum gewinnen können.
Wir sprechen von Traumafolgestörungen als einer häufigen Begleiterkrankung der Sucht. Was versteht man eigentlich unter einem Trauma?
Monika Bregy: Ein Trauma ist ein überwältigendes Ereignis, das die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt. Dabei erleben Betroffene meist starke Ohnmacht oder existentielle Bedrohung. Flucht oder Kampf erscheinen – zumindest gefühlt – nicht möglich. Entscheidend ist dabei weniger die objektive Schwere eines Ereignisses als die persönliche Erfahrung von Ausgeliefertsein und Kontrollverlust.
Es gibt verschiedene Formen von Traumafolgestörungen, vor allem die Posttraumatische Belastungsstörung und die komplexe PTBS. Bei unseren Patient*innen sehen wir häufig langandauernde oder wiederholte Traumatisierungen, etwa durch Gewalt, Missbrauch oder über Jahre hinweg erlebte Demütigungen. Solche Erfahrungen können insbesondere dann tiefe Spuren hinterlassen, wenn sie in der Kindheit oder Jugend erlebt werden oder innerhalb von engen, abhängigen Beziehungen geschehen.
Was passiert nach erlebtem Trauma im Körper und in der Seele?
Monika Bregy: Das Nervensystem schaltet in einen Überlebensmodus. Wenn das Erlebte nicht ausreichend verarbeitet und eingeordnet werden kann, bleibt das Stresssystem dauerhaft aktiviert. Obschon die Gefahr vorbei ist, reagiert der Körper weiter, als wäre sie noch da. Menschen mit einer Traumafolgestörung erleben beispielsweise Flashbacks, belastende Erinnerungen oder Albträume. Der Körper ist ständig bereit für Flucht oder Kampf und daher häufig angespannt – sozusagen dauernd in Alarmbereitschaft. Das ist für Betroffene äusserst belastend.
Gleichzeitig gilt: Nicht jedes schlimme Erlebnis führt zu einer psychischen Störung und traumatische Erfahrungen wirken äusserst individuell. Erst wenn die Symptome anhalten und den Alltag beeinträchtigen, sprechen wir von einer Traumafolgestörung.

Monika Bregy
Psychologin im Ambulatorium Bern
Verantwortliche für das Thema Traumafolgestörungen.
Wie gehen Menschen mit erlebten Traumata um? Wie leben sie im Alltag damit?
Monika Bregy: Um die schmerzhaften inneren Zustände nicht spüren zu müssen, beginnen viele Betroffene, sogenannte Auslöser zu vermeiden: bestimmte Orte, Tageszeiten oder soziale Situationen – häufig auch eigene Gedanken oder Körperempfindungen. Das kann sehr einschränkend sein. Der Bewegungsradius verkleinert sich und die Leistungsfähigkeit leidet, weil man innerlich dauerhaft in Alarmbereitschaft ist. Häufig kommen Schlaf- und Konzentrationsprobleme hinzu, ebenso Erschöpfung, Gereiztheit und ein anhaltendes Gefühl von Unsicherheit.
Viele entwickeln zudem ein negatives Selbstbild. Auch zwischenmenschliche Beziehungen werden oft schwierig: Nähe zuzulassen fällt schwer, besonders wenn die Verletzungen von Menschen ausgingen, die eigentlich Schutz und Sicherheit hätten bieten sollen.
Wie merkt ihr in der Suchttherapie, dass jemand mit einem Trauma lebt?
Monika Bregy: Den Verdacht schöpfen wir aus einer Kombination von Beobachtungen und Gesprächen. In der Therapie erheben wir die Lebensgeschichte und fragen nach biografischen Belastungen und aktuellem Befinden und Leidensdruck.
Bestimmte Muster – etwa ausgeprägte Vermeidung, starke innere Anspannung oder ein plötzliches inneres «Abschalten» – können Hinweise auf eine Traumafolgestörung sein. Insbesondere das Auftreten von Flashbacks oder Nachhallerinnerungen sind typisch für Traumafolgestörungen. Viele Menschen sprechen ihre traumatischen Erfahrungen jedoch nicht von sich aus an, weil sie den damit verbundenen Schmerz vermeiden möchten. Deshalb arbeiten wir ergänzend mit strukturierten klinischen Interviews und Fragebögen, um mögliche traumabezogene Zusammenhänge systematisch zu erfassen.
«Da bei unseren Patient*innen immer auch eine Suchterkrankung vorliegt, behandeln wir Trauma und Sucht von Anfang an integriert. «
Monika Bregy, Psychologin im Ambulatorium Bern und Verantwortliche für das Thema Traumafolgestörungen
Warum haben Menschen mit Trauma ein höheres Suchtrisiko?
Monika Bregy: Besonders bei komplexen Traumafolgestörungen ist die innere Anspannung stark ausgeprägt. Alkohol oder Cannabis können diese Zustände kurzfristig dämpfen. Langfristig steigt dadurch jedoch das Risiko für eine Abhängigkeit. Die Substanz übernimmt dann zunehmend die Funktion, belastende Gefühle zu regulieren – eine Art Selbstmedikation – die jedoch mit der Zeit zu einer Suchtentwicklung führen kann.
Wie geht ihr therapeutisch vor?
Monika Bregy: Wir arbeiten schrittweise. Zuerst geht es um Stabilisierung: Die Betroffenen lernen, ihr überaktiviertes Stresssystem zu regulieren. In dieser Phase setzt unser Behandlungsprogramm an. In der psychoedukativen Gruppe Sicherheit finden vermitteln wir Wissen über Trauma- und Stressreaktionen und geben konkrete Anregungen für den Umgang mit Anspannung im Alltag. Viele erleben es als entlastend, ihre Reaktionen besser einordnen zu können und zu merken, dass sie damit nicht allein sind.
Die Verarbeitung traumatischer Erinnerungen kommt erst später. Da bei unseren Patient*innen zusätzlich eine Suchterkrankung vorliegt, behandeln wir Trauma und Sucht von Anfang an integriert. Das bedeutet, dass zunächst eine ausreichende Stabilität im Umgang mit dem Konsum erarbeitet wird. Erst dann ist eine gezielte Traumabearbeitung sinnvoll möglich.
Welche Methoden setzt du konkret bei unseren Patient*innen ein? Wie kann ich mir das vorstellen?
Monika Bregy: Ich arbeite primär verhaltenstherapeutisch und traumafokussiert, mit einer schrittweisen Bearbeitung belastender Erinnerungen. Zu Beginn nutze ich häufig narrative Elemente wie die Lifeline aus der Narrativen Expositionstherapie, um biografische Belastungen und Ressourcen (z.B. ein tragendes Umfeld) zu strukturieren. Parallel dazu arbeite ich mit Skills aus dialektisch-behavioralen Ansätzen, um Anspannung wahrzunehmen und gezielt zu regulieren. Je nach Erregungsniveau kommen unterschiedliche Techniken zum Einsatz – ob jemand noch handlungsfähig ist oder sich bereits im Hochstress befindet, ist therapeutisch entscheidend. Zentral ist dabei die Orientierung, im Hier und Jetzt zu spüren, dass man sich im sicheren Therapieraum befindet – auch wenn belastende Erinnerungen aktiviert werden. Das klingt einfach, braucht aber Übung.
Kommen auch Medikamente zum Einsatz?
Monika Bregy: Ja, aber nur unterstützend – zum Beispiel bei Schlafproblemen, starker Anspannung oder quälenden Flashbacks. Medikamente können Symptome lindern, ersetzen aber keine Psychotherapie. Eingesetzt werden etwa bestimmte Antidepressiva oder niedrig dosierte niederpotente Neuroleptika – immer sehr sorgfältig abgewogen.
Umgang mit Begleiterkrankungen ist eines von zehn Schwerpunktthemen des Behandlungsprogramms «Mensch und Sucht».
Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS)
Eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung kann sich entwickeln, wenn Menschen über längere Zeit oder wiederholt schweren, meist zwischenmenschlichen Traumatisierungen ausgesetzt waren. Anders als bei einer „einfachen“ PTBS beschränken sich die Folgen nicht auf Wiedererleben, Vermeidung und anhaltende Übererregung. Es zeigen sich zusätzlich tiefgreifende Veränderungen in der Emotionsregulation, im Selbstbild und in der Gestaltung von Beziehungen. Charakteristisch sind ausgeprägte Schwierigkeiten im Umgang mit Gefühlen. Betroffene fühlen sich von intensiven Emotionen überflutet oder erleben im Gegenteil innere Leere oder emotionale Taubheit. Selbstschädigendes oder riskantes Verhalten kann als Versuch auftreten, innere Spannungen zu regulieren. Häufig entwickelt sich zusätzlich eine Substanzkonsumstörung.
Das Selbstbild ist häufig von anhaltender Scham, Schuldgefühlen und einem tief verankerten Gefühl von Wertlosigkeit oder dauerhafter Beschädigung geprägt. Beziehungen sind nicht selten von tiefem Misstrauen, Rückzug oder wiederkehrenden destruktiven Interaktionsmuster belastet. Auch Störungen von Aufmerksamkeit und Bewusstsein sind möglich, etwa in Form von Erinnerungslücken oder dissoziativen Zuständen, in denen sich Betroffene von sich selbst oder ihrer Umgebung abgespaltet fühlen. Auch körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung – etwa chronische Schmerzen oder funktionelle Störungen – können im Zusammenhang mit der Erkrankung stehen. Ohne geeignete Behandlung können die Beeinträchtigungen über viele Jahre hinweg bestehen bleiben und zu erheblichen sozialen und beruflichen Einschränkungen führen.









