ADHS und Sucht – SRF stellt Fragen

Abhängigkeitserkrankungen treten in der Regel nicht isoliert auf, sondern sind eng mit weiteren psychischen Belastungen verknüpft. Dazu gehören Depressionen, Traumafolgestörungen, ADHS oder Persönlichkeitsstörungen. Die Klinik Südhang mit ihrem Behandlungsprogramm «Mensch und Sucht» behandelt diese Erkrankungen nicht als Nebenaspekt, sondern als zentraler Bestandteil der Diagnostik und Therapie.

Viele suchterkrankte Menschen mit ADHS nutzen Substanzen zur Selbstmedikation. Cannabis kann die innere Unruhe dämpfen, Kokain oder Amphetamine werden teilweise zur Fokussierung eingesetzt. Jan Gehri, Psychologe in der Klinik Südhang, beantwortet Fragen zum Thema ADHS und Sucht im Interview mit SRF digital.

Warum haben Menschen mit ADHS ein grosses Suchtpotential?

Jan Gehri: «Das Belohnungssystem von Menschen mit ADHS ist anders aufgebaut. Schnelle Belohnung funktioniert besser und stärker, die betroffenen Menschen sind oft impulsiver, was rascher zu einer Entwicklung von Sucht führen kann.»


Gibt es Warnzeichen für eine Suchtentwicklung, die man bereits am Anfang erkennen kann?

Jan Gehri: «Ja, die gibt es. Der Konsum gehört im Alltag immer dazu, die Substanz ist immer präsent. Es kommt zu Kontrollverlust: Beispielsweise wenn ich mir vornehme, dass ich nichts trinke, aber dass ich das dann doch nicht umsetzen kann. Craving, das starke Verlangen nach der Substanz, ist ebenfalls ein Anzeichen. Dann findet auch eine Vernachlässigung von anderen Aufgaben statt: von der Schule, der Arbeit, Freundschaften etc.»


Warum findet Selbstmedikation statt?

Jan Gehri: «Selbstmedikation ist bei ADHS sehr häufig. Es bedeutet, dass jemand die Substanz konsumiert, weil es hilft. Beispielsweise kann die innere Unruhe durch den Konsum von Cannabis reguliert werden. Das Problem ist, dass sich der Konsum verselbständigt und sich eine Sucht entwickeln kann.»


Was hilft Menschen mit ADHS, keine Sucht zu entwickeln?

Jan Gehri: «Das erste ist die Diagnose durch eine Fachperson, dass die betroffene Person im Bild ist und versteht. Dann hilft eine frühe Behandlung, dazu gehören ev. eine Medikation, falls es die braucht, aber auch Psychotherapie. Strukturen im Alltag helfen ebenfalls, auch ein soziales Netz ist wichtig.»


Weiterführende Informationen

Begleiterkrankungen der Sucht

Viele Menschen, die eine Abhängigkeitserkrankung aufweisen, leiden zusätzlich an weiteren psychischen Belastungen. Im Interview erklärt Dr. med. Antonia Bordoni, Oberärztin der Klinik Südhang, welche Begleiterkrankungen besonders häufig auftreten, wie Sucht und psychische Erkrankungen zusammenhängen und warum ein integrativer Behandlungsansatz entscheidend für nachhaltige Stabilisierung ist.

ADHS und Sucht

ADHS begleitet viele Menschen bis ins Erwachsenenalter und spielt auch in der Suchttherapie eine wichtige Rolle. Ein Interview mit Jan Gehri, fallführender Psychologe in der Klinik Südhang Ambulatorium Bern.

Traumafolgestörungen der Sucht
Monika Bregy, fallführende Psychologin im Ambulatorium Bern und Verantwortliche für das Thema Traumafolgestörungen, erklärt im Gespräch, weshalb Trauma und Sucht so oft zusammen auftreten, wie sich die Symptome im Alltag zeigen und welche Wege es gibt, das Erlebte therapeutisch zu bearbeiten. Zudem erläutert sie, wie Betroffene im Umgang mit traumabezogenen Symptomen mehr Handlungsspielraum gewinnen können.