Ein Blick in die Kunsttherapie der Klinik Südhang

Es geht nicht um Talent oder Leistung, sondern darum, sich selbst neu zu begegnen: Ob Gestalten, Schreiben, Theater, Musik oder Tanz – die Kunsttherapie eröffnet Patientinnen und Patienten in stationärer und tagesklinischer Behandlung vielfältige Möglichkeiten, sich spielerisch und ergebnisoffen mit ihren persönlichen Themen auseinanderzusetzen. Die Kunsttherapie ist ein Angebot im Schwerpunkt «Gesunder Körper und Geist».

Bevor sich Patientinnen und Patienten für eines oder mehrere Angebote entscheiden, erhalten sie Einblicke in die Kunsttherapie.

Interview mit Stephan Mathys, Leiter der Kunsttherapie in der Klinik Südhang

Du präsentierst den Patientinnen und Patienten die kunsttherapeutischen Angebote der Klinik und sprichst mit ihnen über das Zusammenspiel von Kunst und Therapie. Was gibst du ihnen mit auf den Weg, bevor sie sich entscheiden?

Stephan Mathys: Zuerst stelle ich die fünf Ateliers der Kunsttherapie vor. Beim Gestalten stehen Experimentierfreude und individueller Ausdruck im Mittelpunkt. In der Textwerkstatt finden Gedanken, Gefühle und Erinnerungen ihren Weg aufs Papier. Das Theater bietet einen geschützten Raum, um Hemmungen abzubauen und neue Ausdrucksformen zu entdecken. Musiktherapie und Tanz fördern den Kontakt zum eigenen Körper sowie zu den Gedanken und Gefühlen.


Ihr diskutiert auch, worum es in der Kunsttherapie geht?

Stephan Mathys: Ja, unbedingt. Ein zentrales Anliegen der Kunsttherapie ist es, aus dem ständigen Bewerten – nach aussen und nach innen – auszusteigen. Leistung, Vergleich und Beurteilung sind durch gesellschaftliche Normen tief in uns verankert. In der Kunsttherapie geht es jedoch nicht um «richtig» oder «falsch», sondern darum, mehr innere Freiheit zu gewinnen, die eigenen Geschichten erzählen zu können, Gefühle auszudrücken und mit sich selbst sowie mit anderen in Verbindung zu kommen.


Ist das die besondere Stärke der Kunst – dass sie einen Raum schafft, in dem Menschen sich ohne Bewertung ausdrücken können?

Stephan Mathys: Genau, denn Kunst muss keinen Zweck erfüllen. Das schafft Freiraum. Ich kann malen, was ich will, oder mich so bewegen, wie es sich für mich stimmig anfühlt. Den Patientinnen und Patienten vermittle ich, dass Kunst keine besondere Begabung voraussetzt, sondern eine uralte menschliche Ausdrucksform ist. Ich erzähle von Höhlenmalereien oder prähistorischen Tänzen und erinnere an die Unbefangenheit, mit der wir uns als Kinder ausgedrückt haben.


Leistungsdruck, die Angst zu versagen und der ständige Vergleich – machen sie uns krank?

Stephan Mathys: Immer mehr junge Menschen leiden unter Depressionen, Angststörungen oder Schwierigkeiten mit Impulskontrolle und Aufmerksamkeit. Das kommt nicht aus dem Nichts. In unserer Leistungsgesellschaft werden wir ständig bewertet und die Handlungsspielräume sind eng geworden. Viele verlieren dadurch den Zugang zu ihren eigenen Interessen und Ressourcen. In der Therapie erkennen Patientinnen und Patienten oft, wie streng und ungeduldig sie mit sich selbst umgehen. Die Kunsttherapie lädt dazu ein, diese Haltung zu verändern: neugierig statt kritisch, offen statt wertend zu sein, ins spielerische Tun zu kommen und wieder Verbindung zu sich selbst und anderen aufzunehmen. Wer ständig Angst hat, nicht zu genügen, verliert häufig den Mut, sich zu zeigen. Manchmal zieht sich dann ein Mensch ganz zurück – und bleibt mit Sorgen, belastenden Erinnerungen sowie den Hoffnungen für die Zukunft allein.


Stephan Mathys, Leiter der Kunsttherapie, Klinik Südhang

Wie gelingt es, Hemmungen und die Angst vor Bewertung abzubauen?

Stephan Mathys: Es geht darum, wieder freier zu werden – fast wie damals als Kind, als wir einfach drauflosgemalt, gesungen oder getanzt haben, ohne darüber nachzudenken, was andere davon halten. Im Theater probieren wir beispielsweise ungewohnte Bewegungen aus, die vielen zunächst peinlich erscheinen. Das ist verständlicherweise herausfordernd. Doch mit der Zeit merken die Teilnehmenden: Es ist gar nicht so schlimm. Durch das wiederholte Ausprobieren wachsen die Selbstsicherheit und das Vertrauen – in sich selbst und in die Gruppe.

Die Angebote der Klinik in der Kunsttherapie umfassen:

  • Malen und Gestalten
  • Textwerkstatt
  • Theater
  • Tanztherapie
  • Musiktherapie

Worin unterscheidet sich die Kunsttherapie von anderen therapeutischen Angeboten der Klinik Südhang?

Stephan Mathys: Die Kunsttherapie ist erlebnisorientiert. Wir sammeln im unmittelbaren Tun neue Erfahrungen, die oft etwas in der inneren Welt in Bewegung setzen. Wir suchen nach Ressourcen, neuen Interessen und der Freude am Kontakt mit anderen. Im Mittelpunkt stehen nicht Worte, sondern das Malen, Gestalten, Schreiben, Theaterspielen, Musizieren, Tanzen und Bewegen. Dennoch ist Kunsttherapie keine rein nonverbale Therapie. Das Erleben und das anschliessende Gespräch gehören untrennbar zusammen.


«Wir stärken die Selbstwirksamkeit – das Vertrauen, etwas bewegen und sich selbst regulieren zu können.» – Stephan Mathys, Kunsttherapeut

Du leitest das Theater und die Textwerkstatt. Warum eröffnet gerade das Schreiben vielen Menschen einen Zugang zu ihren Gefühlen?

Stephan Mathys: Beim Schreiben gelingt es vielen Patient*innen erstmals, belastende Erlebnisse oder schwierige Gefühle auszudrücken. Manchmal fällt das leichter als ein Gespräch. Ein Gegenüber kann verunsichern oder Hemmungen auslösen. Beim Schreiben werden Gedanken zu Ende gedacht, Erinnerungen geweckt, neue Perspektiven entwickelt und Gefühle geordnet. Das alles hilft, um Belastendes verstehen und loslassen zu können. Ich mag den Satz: «Woher soll ich wissen, was ich denke und fühle, bevor ich lese, was ich geschrieben habe?» Diese Erfahrung begegnet mir immer wieder – in der therapeutischen Arbeit ebenso wie in meinem eigenen Schreiben.


Wie lassen sich Erfahrungen aus der Kunsttherapie in den Alltag übertragen?

Stephan Mathys: Unser Gehirn unterscheidet erstaunlich wenig zwischen einer Erfahrung im geschützten therapeutischen Raum und einer Erfahrung im Alltag. Wenn wir auf der Bühne Wut oder Angst spielen, weiss unser Verstand zwar, dass es ein Spiel ist. Das Gehirn verarbeitet das Erlebte dennoch als echtes Erlebnis. Ähnlich ist es beim Schauen eines Films: Wir wissen, dass es Fiktion ist, und reagieren trotzdem emotional. Unterstützende Erfahrungen, die Patient*innen in der Kunsttherapie machen, können deshalb auch im Alltag wirksam werden.


Kannst du das an einem Beispiel erläutern?

Stephan Mathys: Im Theater entwickeln wir spielerisch neue Fähigkeiten und richten den Blick weniger auf Probleme als auf mögliche Lösungen. Wir ermutigen die Teilnehmenden, aus sich herauszukommen, sich zu zeigen und vor anderen aufzutreten. Gleichzeitig stärken wir die Selbstwirksamkeit – das Vertrauen, etwas bewegen und sich selbst regulieren zu können. Im Theater darf man sogar Zauberkräfte besitzen: Mit einer Handbewegung die Gruppe erstarren lassen oder mit einem Fingerschnippen die Bewegung wieder freigeben. Solche Übungen machen Freude und vermitteln die Erfahrung, Einfluss nehmen zu können. Die Teilnehmenden gewinnen Selbstvertrauen, lernen, sich in einer Gruppe einzubringen, und finden ihren Platz – nicht nur in der Klinik, sondern hoffentlich auch im Leben.

Aller Anfang – Theater, Hörspiel und ein Song

Es gibt ein Leben vor der Suchttherapie – und eines danach: In Aller Anfang beschreiben ehemalige Patient*innen der Klinik Südhang, wie sie den Alltag erfahren.


Was bereitet dir an deiner Arbeit besonders Freude?

Stephan Mathys: Die Begegnungen mit Menschen – und damit mitten in den grossen Fragen des Lebens zu stehen: Wer bin ich? Was will ich? Wohin führt mein Weg? Auch nach vielen Jahren beeindruckt es mich immer wieder, wie unsere Patientinnen und Patienten Mut fassen, sich neu zu begegnen und verändert ins Leben zurückzukehren. Und natürlich ist der Südhang für mich ein besonderer Ort – mit seiner wunderbaren Aussicht und den vielen interessanten Menschen.


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