Die Medizinische Trainingstherapie MTT ist ein Angebot des Behandlungsprogramms «Mensch und Sucht». Ein Patient trainiert an einem Gerät im Fitnessraum der Klinik und erzählt. Es ist Sebastian K., ein stationärer Patient der Klinik Südhang, der seit Jahren mit chronischen Schmerzen infolge einer schweren Skoliose lebt. Er arbeitet daran, seine Beweglichkeit nicht noch weiter zu verlieren und findet nach Entzug und Suchtbehandlung Schritt für Schritt zu neuer Lebensqualität zurück. Zur Zeit des Interviews steht er kurz vor dem Übertritt von stationärer zu tagesklinischer Behandlung.
Woran arbeiten Sie gerade?
Sebastian K.: Ich sitze an der Beinpresse. Mit 30 kg habe ich mein Training an diesem Gerät angefangen, inzwischen bin ich bei 60 kg Belastung. Ich trainiere bereits zum 8. Mal mit dieser Übung. Ich habe meine Trainingseinheiten so geplant, dass ich jeden zweiten Tag etwas für den Rücken und die Beine mache.
Was motiviert sie dazu, das Training so konsequent durchzuführen?
Sebastian K.: Ich habe eine Skoliose, eine starke Wirbelsäulenverkrümmung und daher chronische Schmerzen. Es geht darum, beweglich zu bleiben. Meine Muskulatur ist eigentlich in gutem Zustand, aber im Rücken ist sie chronisch verhärtet und ständig angespannt. Mit zunehmendem Alter spüre ich das nun immer mehr. Darum will ich aktiv bleiben, in Bewegung bleiben.
Was schätzen Sie an der Medizinischen Trainingstherapie?
Sebastian K.: Ich bin froh, dass ich hier in der Klinik Südhang die Übungen überwacht ausführen kann, damit ich alles richtig mache. Und die Regelmässigkeit der Übung ist sehr gut für mich. Dann dokumentiere ich meine Übungen – und die Steigerung wird sichtbar, das motiviert.
Allerdings gibt es auch Entwicklungen, die im ersten Moment nach einem Rückschritt aussehen: Als ich in die Klinik Südhang eingetreten bin, kam ich in der stehenden Vorwärtsbeuge mit den Fingern auf den Boden. Da war ich noch betäubt und spürte die Schmerzen nicht. Nun geht das nicht mehr.
Weil Sie nun den Entzug gemacht haben und keine Substanzen mehr konsumieren?
Sebastian K.: Ja, ich habe soviel gekifft, dass ich keine Schmerzen mehr verspürte. Um das Cannabis abzubauen, benötigt der Körper mehrere Wochen. Nun habe ich verordnete Schmerzmedikamente, in ziemlich hoher Dosis, aber die Schmerzen verspüre ich immer noch. Damit werde ich wohl für den Rest meines Lebens leben müssen.
Jetzt sorge ich dafür, dass ich fit bleibe und es nicht schlimmer wird. Die Beinpresse ist gut für die Beinmuskulatur, aber den Rücken stärkt das ebenfalls.
Wie war das früher, haben Sie viel Sport getrieben?
Sebastian K.: Ich war als Kind sogar Extremsportler: Kunstturner am Reck, dann wurde ich als Goalie Schweizermeister im Handball, war als Skateboarder unterwegs und nahm an den Snowboard Schweizermeisterschaften teil. Das sind alles Aktivitäten, die den Rücken stark belasten. Mit dem Alter, wenn die Osteoporose einsetzt, ist das alles nicht mehr möglich. Ich könnte heute nie mehr auf ein Skatebord stehen, schon das Zuschauen schmerzt sehr.
Ab wann ging das alles nicht mehr?
Sebastian K.: Meine Skoliose ist angeboren, mit 30 Jahren hat sie sich stark bemerkbar gemacht. Mit 40 wurden die Schmerzen zur Hölle, nun bin ich 52 Jahre alt. Am Schluss habe ich nur noch gekifft, damit ich es aushalte. Ich kam im Durchschnitt mit zweieinhalb Stunden Schlaf aus. Nun schlafe ich fünf bis sechs Stunden pro Nacht. Ich erwache immer noch wegen der Schmerzen, dann strahlt der Schmerz in die Beine aus. Aber es ist immerhin schon besser, mehr zu schlafen.
Wie haben Sie die Suchtbehandlung in der Klinik Südhang erlebt?
Sebastian K.: Der Anfang war hart – besonders die erste Woche im Entzug. Das lag auch daran, dass ich zuvor sehr viel konsumiert hatte: etwa 25 Joints pro Tag, also mehr als stündlich einen, auch während der Arbeit.
Jetzt, zehn Wochen nach dem Entzug, ist mein Körper endlich frei davon. Darauf bin ich stolz, und es eröffnet mir neue Perspektiven.
Nun treten Sie in die Tagesklinik über. Wie lange bleiben Sie da?
Sebastian K.: Ich möchte gerne noch zwei Monate bleiben, denn ich habe Zeit. Eigentlich bin ich selbstständig Erwerbender, aber mit den Schmerzmedikamenten bin ich nicht arbeitsfähig. Das Geschäft ist nun halt geschlossen resp. gibt es nicht mehr. Ich hatte einmal acht Angestellte, das habe ich alles runtergefahren.
Wie geht es danach weiter?
Sebastian K.: In diesem Jahr steht „Me time“ auf dem Plan. Ich bin daran, mich um meine Gesundheit zu kümmern und Klarheit zu schaffen betreffend Rentenberechtigung der IV. Ausserdem stehen Abklärungen bei einer Schmerzklinik an, damit ich meine Lebensqualität verbessern und das Schmerzgedächtnis löschen oder neu programmieren kann.
Ich blicke zwar auf einen langen Leidensweg zurück, habe aber noch einiges vor, das ich jetzt anpacken will.
Weitere Informationen zur Medizinischen Trainingstherapie

Ein Blick in die Medizinische Trainingstherapie
In der Medizinischen Trainingstherapie dreht sich viel um den körperlichen Schmerz. Ein Gespräch mit der Sport- und Bewegungstherapeutin Rebekka Schuler.

Der wissenschaftliche Hintergrund
Die Medizinische Trainingstherapie unterstützt Rehabilitation und Prävention durch individuell abgestimmte Bewegungs-, Kraft-, Koordinations- und Ausdauerübungen. Eine theoretische Abhandlung für Fachpersonen und Interessierte.









