Ein Blick in die Medizinische Trainingstherapie

Die Medizinische Trainingstherapie MTT ist eine physiotherapeutische Trainingsform, die in der Klinik Südhang mit dem Behandlungsprogramm «Mensch und Sucht» angeboten wird. Sie ist Teil des Schwerpunkts «Gesunder Körper und Geist». In der Sport- und Bewegungstherapie steht der Körper im Mittelpunkt.

Durch Bewegung und körperliche Aktivität möchten die Therapeut*innen gemeinsam mit den Patient*innen besser verstehen, wie Körper und Psyche zusammenwirken. Ziel ist es, das psychische Wohlbefinden gezielt zu fördern. Ein möglichst schmerzfreier und funktionsfähiger Körper bildet dabei eine wichtige Grundlage, um aktiv am Alltag teilzunehmen und persönliche Ressourcen zu stärken.

Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiten die Mitarbeitenden der Sporttherapie praxisnah und orientieren sich an der aktuellen Situation der Patient*innen. Sie führen eine individuelle Standortbestimmung durch und vermitteln gezielte Übungen. Im Zentrum steht dabei das Schmerzmanagement: Welche Belastungen sind tolerierbar? Welche Übungen fördern die Selbstwahrnehmung und stärken das Gefühl von Kontrolle über den eigenen Körper?

Im Interview erläutert Sport- und Bewegungstherapeutin Rebekka Schuler die Bedeutung der Medizinischen Trainingstherapie in der Suchtbehandlung.

Interview mit Rebekka Schuler, Sport- und Bewegungstherapeutin

Wie wird die Medizinische Trainingstherapie (MTT) konkret umgesetzt?

Rebekka Schuler: Wir sehen die Patient*innen zweimal wöchentlich. Zuerst klären wir ab, ob bei ihnen akute Beschwerden vorliegen oder chronische Probleme, etwa nach Verletzungen oder Unfällen. Auch länger zurückliegende Ereignisse können Auswirkungen auf das gesamte Bewegungssystem haben, zum Beispiel durch muskuläre Dysbalancen oder veränderte Bewegungsmuster. Schmerzen zeigen sich dabei oft nicht am Ort der Ursache.

Sobald wir den Ausgangspunkt der Beschwerden kennen, bauen wir ein individuelles Training auf: Während bei den einen zunächst Schonung angesagt ist, kann man bei anderen bereits mit einer gezielten Belastung starten. Wir beobachten alltagsnahe Bewegungen und passen die Übungen entsprechend an.

Die Patient*innen trainieren in der Regel zweimal pro Woche angeleitet und möglichst einmal selbstständig. Ziel ist es, positive Bewegungserfahrungen zu ermöglichen und konkrete Erkenntnisse mitzunehmen – etwa, wie sich Schmerz beeinflussen lässt.


Warum spielen Schmerzen bei Menschen mit einer Suchterkrankung eine so zentrale Rolle?

Rebekka Schuler: Weil psychische Erkrankungen, die wir hier in der Klinik Südhang behandeln, häufig mit körperlichen Beschwerden einhergehen. Viele suchterkrankte Menschen regulieren ihre Schmerzen mit Substanzen – etwa mit Alkohol, Cannabis oder Benzodiazepinen. Diese können zwar vorübergehend Erleichterung verschaffen, führen aber mit der Zeit oft in eine Abhängigkeit.


Wie kommen die Patient*innen von dieser Abhängigkeit los?

Rebekka Schuler: Am Anfang jeder Therapie steht der körperliche Entzug. Sind die Substanzen erst einmal ausgeschieden, nehmen die Patient*innen ihren Körper wieder in Nüchternheit wahr. Das ist oft frustrierend, da mit der Nüchternheit der Schmerz unweigerlich und mit voller Wucht zurückkehrt – sei er körperlicher oder seelischer Natur.

Viele Patient*innen bringen zudem belastende körperliche Voraussetzungen mit: muskulären Abbau, Fehlbelastungen, Verletzungen durch Unfälle oder nicht abgeschlossene Rehabilitationsprozesse. Auch der Lebensstil spielt eine Rolle: wenig Bewegung, unausgewogene Ernährung und hoher Substanzkonsum hinterlassen Spuren. Ich habe Patient*innen behandelt, die nur noch wenig Beinmuskulatur vorweisen können; alles andere ist durch den langjährigen Konsum abgebaut, da sie teilweise nur gelegen sind. Oder sie haben sich über längere Zeit ausschliesslich von Flüssigkeiten ernährt.

Entsprechend lebt ein grosser Teil unserer Patient*innen mit starken Schmerzen – und diese auszuhalten, ist enorm hart. Umso wichtiger ist es, hier gezielt hinzuschauen und anzusetzen.


Wie kann ich mir das vorstellen?

Rebekka Schuler: Bei der Medizinischen Trainingstherapie geht es darum, die eher passive Haltung zu verlassen und ins Handeln zu kommen. Bewegung ist eine konkrete Handlung. Die muss nicht gross sein: Schon kleine Übungen können etwas verändern. Die Erkenntnis, dass alle Menschen über zahlreiche Schaltstellen verfügen und etwas verändern können, ist zentral für die Selbstwirksamkeit.

Gleichzeitig spielt der Wiederaufbau der Körperwahrnehmung eine wichtige Rolle. Im Verlauf einer Suchterkrankung geht diese oft verloren, da Substanzen den Körper in einen veränderten biochemischen Zustand versetzen und sich eben auch das Schmerzempfinden verändert.

Durch das Training lernen die Patient*innen, ihren Körper wieder differenzierter wahrzunehmen und Signale besser einzuordnen.


Rebekka Schuler, Sport- und Bewegungstherapeutin

Der Aufbau des Trainings wird in einem Trainingstagebuch festgehalten.

Rebekka Schuler: Uns ist wichtig, auch kleinste Übungen festzuhalten und sichtbar zu machen. Das motiviert. Viele Patient*innen haben das Bild im Kopf, dass Training 90 Minuten Anstrengung bedeutet – mit klar messbarer Leistung. Diesen überhöhten Anspruch versuchen wir bewusst zu korrigieren, denn er ist in der Rehabilitation nicht hilfreich. Stattdessen setzen wir auf kleine Schritte und ein Umdenken: Es muss nicht immer mehr, höher oder besser sein. Rehabilitation verläuft nicht linear. Es gibt Fortschritte und Rückschritte – das gehört dazu. Erst mit zeitlichem Abstand wird oft sichtbar, dass es insgesamt vorangegangen ist.

Dem Trainingstagebuch entnehmen wir die Frequenz der Trainingseinheiten. Es gibt viele Patient*innen, die mit dem Training etwas kompensieren, oft stellen wir sogar eine Suchtverlagerung fest. In solchen Fällen unterstützen wir dabei, wieder einen ausgewogenen Umgang mit Bewegung zu finden und empfehlen auch vorübergehende Trainingspausen.


Was meinst du mit Suchtverlagerung? Kannst du das erläutern?

Rebekka Schuler: Nach einem Entzug kann Sport zur Suchtverlagerung werden. Besonders bei ADHS zeigt sich dies häufig in exzessivem Trainingsverhalten. Wir betrachten solche Entwicklungen kritisch, weil Menschen verletzlich werden, wenn ihre Stabilität auf nur einer Bewältigungsstrategie beruht. Problematisch wird es, wenn Sport das Leben dominiert und die frühere Abhängigkeit durch eine Verhaltenssucht ersetzt. Deshalb sollte Sport nur ein Baustein eines ausgewogenen Lebens sein.


Wie steht MTT zum restlichen Angebot in der Sport- und Bewegungstherapie?

Rebekka Schuler: MTT ist gleichrangig mit unseren anderen Angeboten wie Bogenschiessen, Velofahren oder Yoga. Aber wenn ein*e Patient*in sich dafür interessiert, wollen wir dem den Vorrang geben. Auch weil ein Arzt oder eine Ärztin ihnen möglicherweise als Teil der Schmerztherapie MTT verordnet hat.


Die Therapeut*innen der Klinik Südhang sehen sich als Reisebegleiter*innen. Auch du und dein Team Sport- und Bewegungstherapie begleitet die Patient*innen auf einer bestimmten Etappe. Und dann, was geschieht nach dem Austritt?

Rebekka Schuler: Die Patient*innen der Klinik Südhang haben ein Anrecht auf drei Wochen MTT, also sechs begleitete Trainings während ihres stationären Aufenthalts. Danach verfügen sie über einen Trainingsplan, den sie selbstständig weiterführen können – hier im Trainingsraum der Klinik, der ihnen auch nach dem Austritt zur Verfügung steht, in einem externen Fitnesscenter oder zu Hause in Form von Home-Übungen.  Zudem wollen wir die Menschen motivieren, Sport und Bewegung in ihren Alltag zu integrieren und achtsam mit ihrer Gesundheit und ihrem Körper umzugehen.

Ich sehe mich gerne als Reisebegleiterin, denn wir arbeiten eng und individuell mit unseren Patient*innen zusammen. Dabei lernen wir uns gegenseitig gut kennen. Das schafft Vertrauen und eröffnet Raum für Humor, Leichtigkeit und auch gemeinsame Momente des Lachens. Das mag ich sehr an meiner Arbeit!


Weitere Informationen zum Expositionstraining

Ein Patient in der Medizinischen Trainingstherapie erzählt

Der wissenschaftliche Hintergrund

Die Medizinische Trainingstherapie unterstützt Rehabilitation und Prävention durch individuell abgestimmte Bewegungs-, Kraft-, Koordinations- und Ausdauerübungen. Eine theoretische Abhandlung für Fachpersonen und Interessierte.